60 Jahre Jugendlager in der Normandie

23 Jugendliche aus Deutschland, Österreich und Italien nehmen am Jubiläumscamp in St. Désir teil – fast 900 Grabkreuze gereinigt – intensive Auseinandersetzung mit NS-Geschichte, Extremismus und Desinformation

Seit 60 Jahren führt das Jugendlager in St. Desir, Frankreich,  junge Menschen aus Emden und Umgebung in die französische Normandie. Zum Jubiläum haben in diesem Sommer 23 Jugendliche im Alter von 16 bis 25 Jahren vom 15. bis 28. Juli gemeinsam in St. Désir gearbeitet, gelernt und gelebt. Neben Teilnehmenden aus Emden und der Region waren auch Jugendliche aus Österreich und Italien dabei. Im Mittelpunkt standen die Pflege der deutschen Kriegsgräberstätte, die Auseinandersetzung mit der Geschichte des Zweiten Weltkriegs und die Frage, welche Bedeutung Erinnerungskultur für junge Menschen heute hat.

„60 Jahre Normandie-Camp sind 60 Jahre gelebte Erinnerungskultur und internationale Begegnung. Was dieses Projekt besonders macht, ist die Verbindung aus praktischer Arbeit, historischer Auseinandersetzung und persönlicher Begegnung. Die Jugendlichen beschäftigen sich nicht nur mit Geschichte, sie erleben sie an den Orten, an denen sie stattgefunden hat“, sagt Stephan Oelrichs, Jugendcampleitung.

Fast 900 Grabkreuze gereinigt

Ein Schwerpunkt des 14-tägigen Camps war die praktische Arbeit auf der deutschen Kriegsgräberstätte in St. Désir. Dort befinden sich die Gräber von 3.735 deutschen Kriegstoten. Die Jugendlichen reinigten fast 900 Grabkreuze und pflegten Wege und Grünanlagen.

Ursprünglich war das Jubiläumscamp für 19 Tage geplant. Aufgrund der aktuellen politischen Lage musste die Unterstützung durch die Bundeswehr allerdings deutlich reduziert werden. Deshalb wurde das Camp auf 14 Tage verkürzt. Trotz der fünf Tage kürzeren Dauer konnte ein umfangreiches Programm umgesetzt werden.

Die Arbeit auf dem Friedhof ist jedes Jahr ein besonderer Moment. Wenn Jugendliche gemeinsam fast 900 Grabkreuze reinigen, wird Erinnerungskultur ganz konkret. Gleichzeitig entstehen dabei Gespräche über die Menschen hinter den Namen und über die Frage, wie es überhaupt zu einem Krieg wie dem Zweiten Weltkrieg kommen konnte“, erklärt Oelrichs.

D-Day, Kriegsgräberstätten und die Geschichte der Normandie

Zur intensiven historischen Auseinandersetzung gehörten Vorträge zur Landung der Alliierten am 6. Juni 1944 und mehrere Besuche historischer Orte. Die Jugendlichen besuchten unter anderem Omaha Beach, den deutschen Soldatenfriedhof in La Cambe mit mehr als 21.000 Kriegstoten und den amerikanischen Soldatenfriedhof in Colleville-sur-Mer. Auch die Überreste des ehemaligen künstlichen Hafens „Mulberry Harbour“ in Arromanches-les-Bains standen auf dem Programm.

Besonders intensiv beschäftigten sich die Jugendlichen in einem Workshop mit der 12. SS-Panzerdivision „Hitlerjugend“. Thematisiert wurden die von der Division begangenen Kriegsverbrechen sowie die Mechanismen der nationalsozialistischen Indoktrination, der junge Männer und teilweise sogar Jugendliche ausgesetzt waren.

Dabei wurde die historische Auseinandersetzung bewusst mit aktuellen Fragestellungen verbunden. Die Jugendlichen diskutierten über persönliche Werte und Überzeugungen und darüber, wie wichtig es ist, für diese einzustehen. Ebenso ging es um aktuelle Gefahren durch rechtsextreme Gruppierungen und Parteien sowie um Fake News, Desinformation und Falschinformationen.

Auch der Umgang mit sozialen Medien war Thema. Die Jugendlichen setzten sich mit den Risiken von TikTok und anderen Videoplattformen auseinander und diskutierten darüber, welche Rolle künstliche Intelligenz bei der Verbreitung und Bewertung von Informationen spielen kann.

60 Jahre deutsch-französische Begegnung

Ein besonderer Höhepunkt des Jubiläumscamps war das Festwochenende mit Gästen aus Emden und St. Désir. Rund 90 Menschen nahmen an der traditionellen Lichternacht teil. Zum deutsch-französischen Abend kamen rund 130 Gäste.

Das Programm hatten die Jugendlichen selbst vorbereitet. Begleitet wurde der Abend von Live-Musik aus Emden. Auch die beiden Bürgermeister waren dabei: Oberbürgermeister Tim Kruithoff und der Bürgermeister von St. Désir, Dany Targat.

Aus Emden nahmen zudem Vertreterinnen und Vertreter von SPD, CDU, FDP, Grünen und Linken sowie ehemalige Ratsmitglieder teil. Auch das Kreisverbindungskommando der Bundeswehr und der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge waren vertreten. Für den Volksbund nahm Elke Twesten, Vizepräsidentin des Volksbundes Niedersachsen, am Jubiläumswochenende teil.

„Dass eine solche Begegnung nach 60 Jahren noch immer so lebendig ist, ist alles andere als selbstverständlich. Das Normandie-Camp steht beispielhaft dafür, wie aus der Erinnerung an eine gemeinsame, schmerzhafte Vergangenheit eine enge Freundschaft und eine gemeinsame europäische Zukunft entstehen kann“, sagt Oberbürgermeister Tim Kruithoff.

Paris, Étretat und gemeinsame Freizeit

Auch abseits der historischen Themen blieb Zeit für gemeinsame Erlebnisse. Auf dem Programm standen unter anderem eine Tagesfahrt nach Paris, ein Besuch der Kreidefelsen von Étretat, Ausflüge nach Deauville und Honfleur sowie verschiedene gemeinsame Abendveranstaltungen.

Im Camp selbst gab es zahlreiche Freizeitmöglichkeiten: Tischkicker, Tischtennis, Darts, Ballsport, Gesellschaftsspiele, Loungemöbel und ein Whirlpool. Auch ein Kinoabend sowie Tischtennis- und Kickerturniere gehörten zum Programm.

Ehrenamtliches Engagement trägt das Camp

Dass das Jubiläumscamp in dieser Form stattfinden konnte, ist dem Zusammenspiel zahlreicher Unterstützerinnen und Unterstützer zu verdanken. Bei der Vorbereitung unterstützte die Stadtverwaltung, insbesondere der Fachdienst Jugendförderung. Auch die Emder Unternehmen Weets, Volkswagenwerk Emden und Stadtwerke Emden leisteten wertvolle Unterstützung. Ein wesentlicher Bestandteil des Projekts ist zudem das ehrenamtliche Leitungsteam.

Eine besondere Rolle spielte der DRK-Ortsverein Widdelswehr-Petkum. Der Verein stellte Lagerkapazitäten für das Material des Camps zur Verfügung und unterstützte bereits bei der Vorbereitung durch die Wartung und Pflege des Materials. Darüber hinaus stellte der Ortsverein für Aufbau, Durchführung und Abbau zusätzliches ehrenamtliches Personal bereit.

Insgesamt waren fünf Mitglieder des DRK-Ortsvereins im Einsatz. Sie unterstützten unter anderem beim Aufbau des Camps, bei der Verpflegung der Jugendlichen, bei der Durchführung des Festwochenendes und beim anschließenden Abbau.

Erinnerung als Auftrag für die Gegenwart

Nach 60 Jahren ist das Normandie-Camp damit weit mehr als eine Ferienfahrt. Es verbindet praktische Arbeit, historische Bildung, internationale Begegnung und politische Bildung. Die Jugendlichen erleben die Geschichte des Zweiten Weltkriegs an den Orten, an denen sie stattgefunden hat, und setzen sich zugleich mit der Frage auseinander, welche Lehren daraus für die Gegenwart gezogen werden können.

„Die Jugendlichen haben sich in diesem Jahr sehr intensiv mit der Frage beschäftigt, wie Menschen manipuliert und radikalisiert werden können. Gerade deshalb war es wichtig, auch über Social Media, Fake News und künstliche Intelligenz zu sprechen. Erinnerung bedeutet für uns nicht nur, zurückzublicken, sondern daraus etwas für die Gegenwart mitzunehmen“, sagt Stephan Oelrichs.

Auch Oberbürgermeister Tim Kruithoff betont die besondere Bedeutung des Projekts: „60 Jahre Normandie-Camp sind ein beeindruckendes Stück gelebter deutsch-französischer Freundschaft. Gerade in einer Zeit, in der Europa und unsere demokratischen Werte wieder stärker herausgefordert werden, brauchen wir solche Begegnungen. Junge Menschen, die gemeinsam arbeiten, diskutieren, feiern und Geschichte erleben, bauen Brücken – und genau das brauchen wir.“

Seit sechs Jahrzehnten wird damit in St. Désir eine besondere Form der deutsch-französischen Verständigung gelebt: durch gemeinsames Arbeiten, gemeinsames Lernen und vor allem durch persönliche Begegnungen. Was vor 60 Jahren als Jugendlager begann, ist heute ein fester Bestandteil der Erinnerungskultur und des internationalen Austauschs zwischen Emden und der Normandie.

Bilder: Stadt Emden, Gruppenfoto: Teilnehmende Jugendliche, Rat und Verwaltung aus Emden und Frankreich, Kranzniederlegung in Frankreich