In der gestrigen Kulturausschusssitzung wurden die Ergebnisse eines Gutachtens zur Zukunftsausrichtung des Ostfriesischen Landesmuseums (OLME) vorgestellt.
Von September 2020 bis Februar 2021 wurde unter Beteiligung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie der Träger Stadt Emden und 1820dieKUNST ein Zukunftskonzept für das OLME entwickelt. Der Prozess wurde professionell und federführend von der Firma METRUM begleitet, die auf die Beratung von Museen und anderen Kulturinstitutionen spezialisiert ist. Oberbürgermeister Tim Kruithoff zeigt sich erfreut über die vielen Ideen und das hohe Potenzial als ein Puzzlestein im Konzept zum Wandel der Innenstadt, welches dem Museum attestiert wird. "Wenn alle Beteiligten an einem Strang ziehen, haben jetzt die Chance, dem Museum seinen Platz als kultureller Leuchtturm im Herzen der Stadt zurückzugeben".
Die Projektergebnisse beinhalten sowohl eine detaillierte Bestandsaufnahme (Stärken-Schwächenanalyse und Befragung) als auch ein umfassendes Zukunftskonzept.
Stärken:
Das OLME verfügt zweifelsohne über einige Stärken. Hierzu gehören unter anderem:
- die größte kunst-, kultur- und landesgeschichtliche Sammlung zum Thema Ostfriesland in der gesamten Region
- das vorhandene fachliche Know-how der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Museums und des Stadtarchivs
- die zentrale Lage in der Stadt
- das bürgerschaftliche Engagement, auf das die Gründung des Museums zurückgeht, und welches das OLME bis heute begleitet (1820dieKunst hat soeben sein 200jähriges Jubiläum begehen können)
- die Vermittlungsarbeit mit erfolgreichen Formaten wie „KIDS IN!“ und den „Passionsandachten“, als Gemeinschaftsprojekt mit der Kulturkirche Martin Luther Emden
- die begonnene kritische Aufarbeitung der Sammlungsbestände, die 2020 in der Ausstellung „Komplizenschaft“ thematisiert und der Öffentlichkeit präsentiert wurde
Schwächen:
Aber das OLME bleibt auch in vielerlei Hinsicht deutlich hinter seinen Möglichkeiten zurück:
- Die Besucherzahlen sind in den letzten zehn Jahren tendenziell zurück gegangen und das Museum bleibt mit knapp 30.000 Besuchen in 2019 deutlich unter dem Markpotenzial, welches Emden und die Region theoretisch bieten
- Das Museum kooperiert zu wenig und ist zu wenig in Emden als auch in der Region vernetzt
- Das Museum nutzt zu wenig seine Lage in der europäischen Grenzregion und stellt sich zu wenig auf niederländische Gäste ein
- Die innerstädtische Anbindung lässt sich verbessern – der Eingang des Museums ist vom Delft aus schlecht auffindbar
- Es gibt aktuell keine Museumsgastronomie – dies ist jedoch ein Standard in modernen, besucherorientierten Museen
- Die Dauerausstellungen sind in ihren Grundzügen seit 2005 nicht mehr verändert worden und bedürfen somit einer grundlegenden Überarbeitung
- Die Lagerungsbedingungen in den Magazinen sind aktuell nicht gut und müssen dringend verbessert werden
Befragung:
Die Empfehlungen für das OLME werden durch die Ergebnisse einer Befragung unterstützt, die eigens für das Projekt durchgeführt wurde. Teilgenommen haben fast 1.000 Personen. Die Befragung zeigt, dass grundsätzlich ein großes Interesse an Themen rund um Ostfriesland besteht: etwa 92 % der Befragten haben dies angegeben. Häufig genannt wurde weiterhin die „Stadtkultur Emdens“, inkl. Rüstkammer. Viele Befragte interessieren sich zudem für Themen mit Aktualitätsbezug (z. B, „Klimawandel“, „Wohnkonzepte der Zukunft“, „Familie gestern und heute“). Die Kunstsammlungen des OLME hingegen sind Vielen weniger bekannt. Als besonders wichtige Angebote des Museums in Zukunft werden von den Befragten „interaktive Angebote“ angegeben, neben „erlebnisorientierten Events“, einem vielfältigen Rahmenprogramm und Audioguides.
Ziele:
Das Museum hat nach Auffassung der Gutachter die Chance, in Zukunft deutlich mehr – auch jüngere – Menschen zu erreichen und sich in die Gesellschaft hinein zu öffnen. Von der Stadtverwaltung Emden sollte das OLME mehr als bisher als wichtiger Standortfaktor betrachtet werden, der die Lebens- und Aufenthaltsqualität der Bürgerinnen und Bürger für ganz Ostfriesland bereichert. Zudem kann das Museum noch bekannter bei Touristen werden: Ein Besuch des OLME sollte zu deren „Pflichtprogramm“ gehören.
Maßnahmen zur Zielerreichung:
1. Das OLME muss sich, um dies zu erreichen, konzeptionell und programmatisch neu aufstellen. Das bedeutet z. B.
- dass es künftig mehr Ausstellungen mit Bezügen zu aktuellen Themen und mehr partizipative Angebote gibt
- dass Prioritäten für die Bearbeitung der umfangreichen Sammlungsbestände gesetzt werden
- dass die erfolgreichen Vermittlungsaktivitäten über Emden hinaus ausgebaut werden
- dass neue digitale Formate geschaffen werden, z. B. neue App-basierte Rundgänge oder die digitale Präsentation von Highlight-Objekten auf den Websiten des Museums und von 1820dieKUNST
- dass das OLME noch aktiver in den sozialen Medien wird, um insbesondere in den Kontakt mit jüngeren Menschen zu treten
2. Grundvoraussetzung für diese positive Weiterentwicklung sind eine Reihe von Bedingungen, ohne die eine Veränderung nicht möglich sein wird. Zu den notwendigen Voraussetzungen gehören:
- die Neustrukturierung der internen Organisation des Museums in Bezug auf Aufgaben- und Verantwortungsbereiche
- die Einrichtung zusätzlicher Personalressourcen, unter anderem im Bereich des digitalen Sammlungsmanagements und der Drittmittelakquise
- die Neugestaltung des Haupthauses inklusive Einrichtung von mehr attraktiven Flächen für Sonderausstellungen und Umsetzung eines neuen Gastronomiekonzepts
- die Digitalisierung der Museumsbestände mit einer professionellen Museumssoftware
- die Einführung einer neuen Kassensoftware
- die Neueinrichtung der Magazine und Verbesserung der konservatorischen Bedingungen
- die Öffnung des Museums zum Delft und Verbesserung der innerstädtischen Anbindung
Weitere Prozesse zur Zielerreichung:
In den nächsten Monaten steht ein Change-Management Prozess an, in dessen Rahmen das erarbeitete Konzept gemeinsam mit den Beschäftigten schrittweise umgesetzt werden soll. Ein detaillierter Maßnahmenplan liegt vor und wurde in die Verantwortung des Museums übergeben.
Die Träger des Hauses, die Stadt Emden und der Vorstand von 1820dieKUNST, werden das Gutachten ausführlich bewerten. Anschließend wird der Kulturausschuss Entscheidungen über die zukünftige Ausrichtung des Hauses treffen. Reinhold Kolck, Vorsitzender 1820dieKUNST sagt: „Wir müssen gemeinsam, die Träger Stadt und KUNST mit allen Mitarbeiter*innen, den Haupt- wie Ehrenamtlichen, gezielt die Stärken ausbauen und an den Schwächen arbeiten. Wir wollen das Profil als europäisches Regionalmuseum deutlicher herausarbeiten. “
Die Besetzung der neuen Direktion des OLME, die nach dem Ruhestand des bisherigen Direktors Dr. Wolfgang Jahn ansteht, wird sich an den Eckpunkten des erarbeiteten Konzepts orientieren. Das Bewerbungsverfahren wird Mitte März starten.
